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Trends der IAA 2019: Trendforscher Frank A. Reinhardt über die Zukunft der Mobilität

16. September 2019 von farconsulting
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Die Auto­mo­bil­bran­che ist in der wohl schwers­ten Umbruch­pha­se seit der Erfin­dung der Seri­en­pro­duk­ti­on durch Henry Ford. Mit sich neu ent­wi­ckeln­den Mobi­li­täts­kon­zep­ten muss auch das Auto­mo­bil­de­sign eine Evo­lu­ti­on durch­lau­fen, denn mit der Auf­ga­be, die Stel­lung des Kon­sum­pro­dukts Auto in der Gesell­schaft neu zu defi­nie­ren, werden auch neue Iden­ti­fi­ka­ti­ons­an­ge­bo­te benö­tigt. Auf der dies­jäh­ri­gen IAA wurde dieser Umbruch auf vielen Mes­se­stän­den sicht­bar. Eine ganze Bran­che ist auf der Suche nach einer neuen Identität.

Die Karten werden neu gemischt – die Auto­welt star­tet bei Null
End­lich, möchte man laut aus­ru­fen, haben alle Auto­mo­bil­her­stel­ler die Zei­chen der Zeit erkannt und den Wunsch der Auto­fah­rer ver­stan­den, etwas Posi­ti­ves mit der Mobi­li­tät zu ver­knüp­fen und mit ihrer Kauf­ent­schei­dung einen Bei­trag zur Bewäl­ti­gung des Kli­ma­wan­dels zu leis­ten. Doch wie kann dieser Wech­sel sich rein optisch dar­stel­len? Wie muss ein Auto aus­se­hen, um den tech­no­lo­gi­schen Para­dig­men­wech­sel nach außen zu ver­kör­pern? Das Auto war schon von jeher so etwas wie ein Spie­gel­bild oder Aus­hän­ge­schild seines Hal­ters und trans­por­tiert zusam­men mit der jewei­li­gen Auto­mar­ke wie kein ande­res Kon­sum­pro­dukt ein ganz bestimm­tes Image. Wie also sollte ein strom­be­trie­be­nes Auto aus­se­hen? Woran erkennt man eine moder­ne Mobi­li­täts­mar­ke? Die Welt­en­tei­lung zwi­schen kon­ven­tio­nel­len Antriebs­sys­te­men und akku­be­trie­be­nen Autos wird auf vielen Mes­se­stän­den der IAA beson­ders deut­lich – es wirkt fast, als stell­ten hier zwei gänz­lich unter­schied­li­che Marken aus. Anschei­nend halten die Her­stel­ler es für nötig, dass die Desi­gner der den tech­no­lo­gi­schen Fort­schritt in allen Fasern und Ecken des Auto­mo­bil­de­signs auf­zei­gen müssen. Sie schrei­en förm­lich: Schau, ich bin anders! Immer­hin, das Auto hat (in der Regel) noch vier Räder und Sitze. Aber sonst? Eine ganze Bran­che ist auf der Suche nach einer neuen For­men­spra­che. Sämt­li­che Gestal­tungs­prin­zi­pi­en, die meis­ten tra­dier­ten For­men­ele­men­te einer über Jahr­zehn­ten geleb­ten For­men­spra­che und das Know­how über gefäl­li­ges Auto­mo­bil­de­sign schei­nen ihre Gül­tig­keit ver­lo­ren zu haben und werden bei fast allen Auto­mo­bil­her­stel­lern über den Haufen gewor­fen. Das Ergeb­nis: die neue Auto­ge­nera­ti­on sieht nicht nur abs­trakt und emo­ti­ons­los aus, son­dern hat ihre Iden­ti­tät, die Ver­an­ke­rung in der jewei­li­gen Unter­neh­mens­kul­tur und an Mar­ken­pro­fil ver­lo­ren. Wie viele Wer­be­mil­lio­nen werde in den nächs­ten Jahren wohl inves­tiert, um die Mar­ken­hier­ar­chie in der Auto­mo­bil­welt wiederherzustellen?

Dip.-Designer Frank A. Rein­hardt war im Pro­dukt­ma­nage­ment von Mar­ken­un­ter­neh­men der Kon­sum­gü­ter- und Sani­tär­in­dus­trie tätig, bevor er sich als Jour­na­list und Design­be­ra­ter selbst­stän­dig machte. Jen­seits jeder Ver­bin­dung zur Auto­mo­bil­in­dus­trie betreut seine Kölner Agen­tur heute Ver­bän­de, Indus­trie- und Mes­se­un­ter­neh­men mit Con­tent-Stra­te­gien und Kommunikationsmaßnahmen.

 

Ein Auto für Spock?
Wie müssen die Autos für die öko­lo­gisch ori­en­tier­te Elite aus­se­hen? Müssen die futu­ris­tisch anmu­ten­den Ent­wür­fe mit Ambi­tio­nen zur Seri­en­rei­fe die Early-Abd­ap­ters nicht ganz woan­ders abho­len? Schließ­lich liegen die Preise für ein gutes Gewis­sen zum Teil noch deut­lich über den „bösen“ SUVs der alten Auto­welt. „In den 70er-Jahren war die Jute-Tasche das Symbol für die öko­lo­gi­sche Revo­lu­ti­on – und heute soll es ein Raum­schiff mit vier Rädern sein?“ wun­dert sich Design-Jour­na­list und Trend­for­scher Frank A. Rein­hardt. „Auch wenn öko­lo­gi­sche Nach­hal­tig­keit heute eher mit Fort­schritt­lich­keit und High­tech ver­bun­den wird als mit einem Rück­griff auf tra­di­tio­nel­le Lösun­gen erscheint ihm das Rezept „poppig, posi­tiv, futu­ris­tisch: Haupt­sa­che anders!“ zu plump. Gefragt sei keine Pseudo-Revo­lu­ti­on, son­dern eine for­ma­le Evo­lu­ti­on. „Die Auto­mo­bil­de­si­gner haben noch kein glaub­wür­di­ges Symbol für e‑Mobilität gefun­den. Nicht jeder Auto­fah­rer mit öko­lo­gi­scher Über­zeu­gung will einen Wagen, der aus­sieht, als würde er sich bei einem Cas­ting für einen Sci­ence Fic­tion Film bewer­ben“, so Rein­hardt. „Da muss es noch einen ande­ren Weg geben.“

Pressemeldung FAR.consulting
Foto: Frank A. Rein­hardt; FAR​.consul​ting

In all dem for­ma­len Her­um­ex­pe­ri­men­tie­ren gibt es aber auch posi­ti­ve Bei­spie­le für eine gelun­ge­ne Umset­zung der neuen Mobi­li­tät, so etwa beim voll­elek­tri­schen MINI Cooper SE. Die bekann­te und belieb­te Form des Minis musste dabei von den Desi­gnern bewahrt werden, und nur einige wenige Aus­stat­tungs­ele­men­te im Exte­rior Design zeigen den tech­no­lo­gi­schen Fort­schritt an. Auch der gefäl­li­ge ID.3 von VW fiel auf der IAA posi­tiv auf. Allein schon die enorme Anzahl der ver­füg­ba­ren Pro­to­ty­pen auf dem Mes­se­stand macht klar, dass es VW ernst ist: „Der ID.3 hat das Poten­zi­al, den Durch­bruch der Elek­tro­mo­bi­li­tät in der Groß­se­rie ein­zu­lei­ten. Das sieht fast nach einer neuen Käfer-Story aus“, stellt Frank A. Rein­hardt erwar­tungs­voll fest. Bereits 2020 ist nach Anga­ben von VW geplant, dass Volks­wa­gen welt­weit 150.000 Elek­tro­au­tos ver­kauft; ab 2025 sollen es mehr als eine Mil­li­on pro Jahr sein. Über­haupt hat VW in Frank­furt sehr viel rich­tig gemacht. Der in den letz­ten Ver­an­stal­tun­gen eher nüch­tern-cleane Auf­tritt des Volks­wa­gen­kon­zerns wurde zuguns­ten eines Life­style-gepräg­ten, funk­tio­nal durch­ge­styl­ten Mes­se­stan­des auf­ge­ge­ben und stand im Zei­chen eines neuen Logos und der neuen Elek­tro­mo­bi­li­tät. Die Mes­se­be­su­cher nutz­ten aus­gie­big die zahl­rei­chen Sitz­ge­le­gen­hei­ten und genos­sen die neue Auf­ent­halts­qua­li­tät. Neben dem gemüt­li­chen MINI-Stand mit hohem Life­style-Faktor punk­te­te noch ein Mes­se­stand mit vielen Insta-Foto­mo­men­ten. „Der etwas abge­speck­te Mer­ce­des-Stand in der Fest­hal­le war zwei­fels­oh­ne das High­light der IAA. Da war zum einen das spek­ta­ku­lä­re Glas­po­dest, das eine ein­drucks­vol­le Per­spek­ti­ve auf die DNA des deut­schen Auto­her­stel­lers bot. Der emo­tio­na­le Auf­tritt stand dabei ganz im Zei­chen nach­hal­ti­ger Lösun­gen für die Zukunft der Mobi­li­tät und beein­druck­te mit einer durch­ge­hen­den Sto­ry­line und tollen inter­ak­ti­ven Insze­nie­run­gen“ so Frank A. Rein­hardt über die Mes­se­stan­d­ar­chi­tek­tur von Mer­ce­des auf der IAA 2019.

Retro-Look und die Sehn­sucht nach der guten alten Autozeit
Kein Trend ohne Gegen­trend: Die Sehn­sucht nach der guten, alten Auto­welt ist unge­bro­chen. Der Handel mit Old­ti­mern boomt. Um an die Pro­fil­stär­ke von Sil­ber­pfeil und tra­di­tio­nel­len Cabrio­lets anzu­knüp­fen, grei­fen viele Auto­mo­bil­her­stel­ler zur For­men­spra­che der Muse­ums­mo­del­le mit Moder­ni­täts­ga­ran­tie. Ob Stu­di­en oder Seri­en­mo­del­le: Der Retro-Look kommt gut an und ist vor allem im hoch­prei­si­gen Seg­ment zu beob­ach­ten. Zudem werden Old­ti­mer-Besit­zer mit grünem Gewis­sen von der Indus­trie unter­stützt: Volks­wa­gen Group Com­pon­ents zeigt gemein­sam mit Part­ner­fir­ma eClas­sics ein ganz­heit­li­ches Kon­zept zur nach­träg­li­chen Elek­tri­fi­zie­rung his­to­ri­scher Volks­wa­gen Käfer. Für die Umrüs­tung kommen hier­für aus­schließ­lich auf­ein­an­der abge­stimm­te Neu­tei­le aus der Seri­en­fer­ti­gung der Volks­wa­gen Group Com­pon­ents zum Ein­satz. Der E‑Antrieb, das 1‑Gang-Getrie­be und das Bat­te­rie­sys­tem basie­ren auf dem neuen VW e‑up. „Viele Men­schen sehnen sich nach der guten alten Auto­zeit, in der man seinen Ölwech­sel noch selbst machen und einen kaput­ten Schei­ben­wi­scher mit einer Kordel repa­rie­ren konnte. Die dama­li­gen Desi­gnele­men­te stehen für eine unbe­schwer­te Zeit, in der die Kinder wäh­rend der Fahrt noch auf der Hut­ab­la­ge liegen konn­ten. Die tra­dier­ten Formen werden für eine bestimm­te Ziel­grup­pe wieder akti­viert und sind gerade für ältere Men­schen ein Anker­punkt in der aktu­el­len Revo­lu­ti­on des Auto­de­signs durch die E‑Mobilität: ein Wachs­tums­markt, zumin­dest tem­po­rär“, so die Pro­gno­se von Frank A. Reinhardt.

Neue Farben braucht die Auto­welt: Candy-Shop
Eine IAA ist auch eine gute Platt­form, um neue Farben vor­zu­stel­len und ihre Wir­kung zu testen. Die 2019er-Ver­si­on der IAA wird wohl als Candy-Shop in die Geschich­te ein­ge­hen. Die matten, leuch­ten­den Farben von Metal­lic-Mint­grün bis Baby-Blau sollen für den tech­no­lo­gi­schen Fort­schritt stehen – ein­fach des­halb, weil die tra­dier­ten Farben wie Weiß, Rot oder Schwarz für die alte Auto­welt stehen. Einen ein­heit­li­chen IAA-Auf­tritt in Sachen Farbe legte allein BMW mit einem kräf­ti­gen und inno­va­ti­ven Grau hin.

Das Auto wird immer mehr zum Life­style-Pro­dukt. Farbe, Form und Image der jewei­li­gen Auto­mar­ke wird immer mehr dem eige­nen Lebens­stil – dem Eigen­heim, dem Outfit und dem gesam­ten Ein­rich­tungs­stil – ange­passt. Damit wird das Auto noch mehr als bisher zum Mittel der Wahl, um so etwas wie eine indi­vi­du­el­le Eigen­mar­ke auf­zu­bau­en. Frank A. Reinhardt

Das gute Gewis­sen – die elek­tri­sche Fahrt ins Grüne
Ja, so man­cher Off­roa­der macht sich nicht nur aus finan­zi­el­len, son­dern zuneh­mend auch aus umwelt­po­li­ti­schen Grün­den so seine Gedan­ken über den 20-Liter Sprit­ver­brauch seines guten Stücks. Aber kom­plett auf sein Hobby ver­zich­ten möchte er dann doch nicht. So passt es per­fekt, dass sich der E‑Antrieb auch für die Fahrt in Grüne eignet. Mit der Kon­zept­stu­die Audi AI:TRAIL und ID. BUGGY von VW peilen die Her­stel­ler einen neuen Markt an. Die neue Genera­ti­on von Off­roa­dern ist näm­lich längst nicht mehr so scharf auf stun­den­lan­ges Rum­schrau­ben und ölver­schmiert Hände wie die alte. Wie geschaf­fen für den „Touch­point Natur“ scheint auch die Kon­zept­stu­die I.D. BUZZ von VW zu sein, die 2022 in Serie gehen soll. Auch der unge­bro­che­ne Boom an fah­ren­den Wohn­zim­mern (sprich: Wohn­mo­bi­le) dürfte die Auto­in­dus­trie zu neuen Kon­zep­ten animieren.

Für mehr Geduld und Muße im Stau jeden­falls warb auf dem Arma­tu­ren­brett der moder­nen Bully-Vari­an­te ein klei­ner, im Schnei­der­sitz medi­tie­ren­der Gar­ten­zwerg. In coolem Outfit (Kera­mik­weiß mit gelber Mütze) ruhte er so sehr in sich, dass ihn selbst das agile Trei­ben auf der IAA voll­kom­men kalt ließ.

Wei­te­re Infor­ma­tio­nen: Von Autos und Arma­tu­ren – Inno­va­ti­ve Schu­lungs­rei­he für Axor